top of page

Als wir einander begegneten

  • Writer: Bianca Meusburger-Waldhardt
    Bianca Meusburger-Waldhardt
  • 12 hours ago
  • 2 min read

Wie viele Kindheiten war auch meine geprägt von unzähligen Sinneseindrücken und einigen Menschen. Von all diesen vielen Bildern der Erinnerungen haben manche einen besonderen Platz in meiner inneren Galerie bekommen. Zu finden wäre hier zum Beispiel das Plumpsklo meines Großvaters Pauli, der eigentlich Karl hieß: zart-raue Hände, die über einen Kinderkopf streicheln wollten und deren Schwielen an den Haaren ziepten. Als Kind beeindruckte mich die genannte sanitäre Anlage schwer und ich fürchtete mich auch ein bisschen vor ihr. Ein anderes Bild, das ich auf meine frühen Jahre zurückführen kann, ist ein hitziges Werk aus Disteln, Blut, einer staubigen Straße und viel Sonnenschein. Es hält den Augenblick des ersten Fahrradfahrens fest, meinen Unwillen dabei und das liebevolle Versagen meines Vaters.


Und dann ist da noch eines. Ein Bild, eine Erinnerung an Äpfel im Spätherbst, dunkelrot und erdig, noch nass vom letzten Regen. Gehalten werden sie von Händen, die nicht wissen, dass sie eigentlich auch das Recht hätten, einmal zu ruhen. Rissig wie furchig, erzählend und vieldimensional.

Immer konnte ich die Äpfel riechen, hörte vage die Stimme einer Frau. Kaum aber betrachtete ich dieses Bild genauer, kaum wollte ich tiefer in die Erinnerung tauchen, verschwand sie im Nebel und Nichts meiner Gedanken und ließ sich nicht begreifen. Sie machten mich wehmütig und traurig, diese Äpfel, auch zufrieden und dankbar. Ich konnte fühlen, dass mir dort, an jenem Ort, an dem auch diese Herbstfrüchte geerntet worden waren, in meinen frühesten Tagen viel Liebe widerfahren sein musste. Ich tat zudem auch mein Möglichstes, dieses kleine Kunstobjekt nicht durch Restaurierungsarbeiten zu verschönern oder gar zu verfälschen, ich beließ es bei den Händen, den Äpfeln und dem Duft von Regen auf einer grünen Wiese. So mag ich meine Erinnerungen: direkt und unmittelbar, ohne aufgeregt-dekorierende Anmerkungen und kleine Beifügungen, wie sie doch oft Spielereien des Unbewussten sind.


Und dann, vor einigen Tagen, trafen wir einander plötzlich. Es passierte am Bahnhof, wo so viele Menschen etwas von sich zurücklassen, einen Koffer, ein paar aus der Einkaufstasche gefallene Gefühle. Ich lief dahin, den Blick gesenkt, nach innen gerichtet. Ich hörte meinen Vornamen, in meinem Kopf, du sprachst ihn aus, laut, und ich erschrak, denn deine Stimme war mir gar nicht fremd. Sie klang ein bisschen wie die meine und die meiner Mutter. Sie gehörte dir, und weil ich dich hörte, blickte ich auf und sah dich. Du standest am Bahnsteig, etwas fehl am Platz erschienst du mir, mit deiner Schürze und deinem bunten Kopftuch, das dich gegen den Wind schützen sollte. Graue Locken quollen drunter hervor, und in deinen Händen hieltst du saftige Äpfel. Auf deinen Lippen lag ein Lächeln, und in deinen Augen sah ich, was mir fehlte, einen Teil von dir, von mir. Für einen Moment lang war ich überaus ganz, ich lachte auf und lief auf dich zu, lief in dich hinein, oder du in mich? Unsere Begegnung war erfüllend und kurz, und da alles so schnell ging, kann ich nun im Nachhinein kaum sagen, ob sie in mir oder auf dem Bahnsteig stattfand. Als würde das auch eine Rolle spielen, jetzt noch, wo vieles klar ist. Die Hände sind deine, und nun bist auch du mit auf dem Bild. Du bist all jenes, das ich fühle, wenn ich regennasse Wiesen rieche. Dein herbstliches Lachen oder die roten Äpfel, es ist mir einerlei.


Recent Posts

See All
Verspielt

Ich möchte mich zu Beginn dieses Textes ausdrücklich bei Ihnen entschuldigen, werte Leser. Sie müssen wissen, ich, Paul Schönberg,...

 
 
 
1509

Auch jetzt könnte ich noch umkehren, und jetzt – eine halbe Minute, sieben tiefe Atemzüge und zweiunddreißig Herzschläge trennen mich von...

 
 
 

Comments


SPRACHSPIELEN

Subscribe Form

Thanks for submitting!

  • Instagram
  • Facebook

©2024 by SPRACHSPIELEN 🎠 Medieninhaberin & Urheberrechtsverweis (alle Texte & Fotos auf sprachspielen.at): Mag. Bianca Meusburger-Waldhardt * Zahnradbahnstraße 2/2/2, 1190 Wien * bia_wald@icloud.com

bottom of page