Bach verspielt
- Bianca Meusburger-Waldhardt
- Dec 8, 2022
- 4 min read
Updated: May 22
Paul Bach putzte seine Brille. Wie sooft half es auch nun nichts – die Nebelschwaden, die ihm die Sicht trübten, waren keine Laune seiner kurzsichtigen Augen, sondern eine Tatsache der frühwinterlichen Landschaft. Er seufzte und beobachtete seinen weißen Atem, der sich in der kalten Luft in nichts auflöste. Ein weiterer grauer Sonntagnachmittag lag vor ihm. Willenlos trugen ihn seine Beine zum Dorfwirtshaus. Nachdem er die schwere Tür geöffnet hatte und eingetreten war, musste er seine Brille abermals abnehmen und unterzog sie einem umständlichen Putzritual. Der Rauch der Zigaretten vermischte sich mit dem schalen Atem der Gäste, die aufgeregt durcheinanderredend die ewig gestrigen Geschichten des Dorfes durchkauten und ihnen damit neues Leben einhauchten.
Paul Bach sank in einen Sessel am Stammtisch des Rudi-Bauern und ließ sich auf ein halbherziges Kartenspiel ein. Er lächelte, wenn man es von ihm erwartete, trank seine Schnapsgläschen anstandslos leer und trug seine Sätze zu den Erzählungen bei. Er war beliebt und gern gesehen, ein tüchtiger junger Mann, den man besonders bei der sonntäglichen Abendmesse als Organist sehr achtete. Unter der Woche nahm man ihn wenig wahr, da er in der Stadt seiner Tätigkeit nachging, von der man beinahe nichts wusste. Am Sonntag konnte und wollte man auf Paul nicht verzichten; schließlich war niemand sonst im Stande, auf der uralten Orgel mit einer derartig gewissenhaften Hingabe zu spielen. In seinen jungen Jahren war Paul Bach zum Inventar geworden: Die Orgel und Paul, Paul und die Orgel. Die Bewohner des Dorfes schätzten sein Spiel, weil sie sich darauf verlassen konnten, und Verlässlichkeit war eine Voraussetzung, wollte man als anständiges Dorfmitglied gelten. Paul Bach entsprach dieser Erwartung völlig; er gab den Menschen, was sie wollten: wiederkehrende Melodien, eindringliche Lieder und am Abschluss jeder Sonntagabendmesse spielte Paul Bach Johann Sebastian Bach, Präludium und Fuge in d-Moll. Paul verehrte seinen Namensvetter Bach tief im Herzen; das hatte viele Gründe. So labte er sich etwa an den äußerst harmonischen Verläufen seiner Stücke. Diese beruhigten Paul und gaben ihm Sicherheit. Bachs Werke versetzten ihn in einen ruhigen, ausgeglichenen Zustand, und das spürte die Gemeinschaft. Sie liebten und brauchten Paul, weil er ihnen vorspielte, wonach sie sich am meisten sehnten: Halt, Vertrauen, Beständigkeit. Alles sollte so bleiben, wie es war, dies war der innige Wunsch der gottes- und lebensfürchtigen Gemeinde.
Sinnierend leerte Paul sein drittes Schnapsgläschen und machte sich auf den Weg nach Hause, um einen dicken Pullover für die Abendmesse zu holen. Er trat hinaus in den Nebel und tat langsam einen Schritt nach dem anderen auf dem rutschigen Asphalt. Er fühlte sich leer. Nicht unglücklich – nein, unglücklich war Paul Bach nicht. Seit Jahren war er eingelullt und festgefahren, er war in Sicherheit. Es gab keine Gründe, die Richtung oder die Geschwindigkeit seines Lebens zu ändern. Irgendwann, so dachte er bei sich, würde etwas passieren. Er wartete tief drinnen auf einen Impuls, doch das kleine Dorf mitten in der Beschaulichkeit war frei von Beben und Erschütterungen jeglicher Art. Und so behielt er, wie auch alle anderen in seinem Umfeld, seinen Kurs beharrlich und unbeirrt bei.
Als Paul die Kirche betrat und die enge Treppe zur Orgel hochging, war es bereits dunkel. Schemenhaft erkannte er die bekannten Gestalten, die jeden Sonntagabend an diesem Ort verbrachten. Die Menschen kamen nicht aufgrund ihres Glaubens oder eines fernen Gottes in die Kirche, vielmehr zogen sie einander an, gierten danach, zu fühlen, ob alles noch seine Ordnung hatte. Sie waren gekommen, um sich Bestätigung zu holen; diese war ihre Communio, war ihnen tägliches Brot für die jeweils kommende Woche, von dieser konnten sie leben und zehren.
Geduldig wartete Paul Bach auf seinen persönlichen Höhepunkt der Messe, den Auszug. Er versuchte sich zu konzentrieren, doch an diesem Abend gelang es ihm nur schwer. Er suchte nach einem Grund für diese Unpässlichkeit, doch es gab nichts, was ihn in einen inneren Aufruhr versetzt haben könnte, schließlich war nichts vorgefallen. Lediglich die rechte Hand schmerzte ihn ein wenig, er erinnerte sich allerdings nicht, sich irgendwo verletzt zu haben. Wahrscheinlich hatte er die Veranlagung zur Gicht von seinem Vater geerbt. Schulterzuckend tat er den Gedanken ab, streckte die Wirbelsäule durch und reckte entschieden das Kinn in einem kurzen Stoßgebet nach vorne. Es war wieder einmal so weit, die Feier hatte ihr Ende gefunden und Paul Bach spielte Johann Sebastian. Seine Finger glitten über die Tasten, er schloss für manche Momente die Augen, um sie umso intensiver erleben zu können: die Reinheit, die Präzision der Fuge. Er fühlte sich stark und sicher, gut aufgehoben und warm geborgen in diesen Noten, welche ein rationaler Geist geboren hatte. Die Kontrolle, die er über dieses Stück und somit über die Menschen, die der Musik lauschten, hatte, verband ihn mit seinem Instrument und erfüllte ihn für einige kostbare Augenblicke mit einem Gefühl der Unbesiegbarkeit.
Diesmal endete die entgrenzte Lust am Spiel allerdings abrupt und früher als sonst. Als Paul zum Schlussakkord ansetzte, sah er mit weit aufgerissenen Augen, wie sich der kleine Finger seiner rechten Hand offensichtlich in Zeitlupe seltsam bog und nicht mehr zu ihm gehören zu schien. Er sah es, bevor er den dazugehörigen Schmerz fühlte. Es überkam ihn wie ein Krampfanfall; so sehr er sich in diesen Bruchteilen einer Sekunde bemühte, seinen Finger unter Kontrolle zu bringen und auf der richtigen Taste aufsetzen zu lassen, es wollte ihm nicht gelingen. Auch konnte er die Bewegung seiner Hände und Arme nicht mehr stoppen, und so landeten seine weichen Fingerkuppen unbarmherzig auf den weißen und schwarzen Tasten. Paul Bach hatte die Augen mittlerweile fest zusammengekniffen, als könnte er so auch seine Ohren vor dem erwarteten missglückenden Ton schützen. Klare Luft entwich den alten Orgelpfeifen und breitete sich in Wellen in dem Gemäuer aus. Es war nicht der Ton, den Johann Sebastian Bach für das Stück vorgesehen hatte; es war überhaupt keiner der Töne, die jemals zuvor zu Papier gebracht oder gespielt worden waren. Paul Bachs verkrampfte Finger entluden sich auf den Tasten in einem neuen Klang, der, bevor er alle anderen Menschen in der Kirche erreichte, den jungen Organisten tief drinnen anrührte. Er nahm die Hände nicht von den Tasten. Der Ton hatte mittlerweile die geduckte Menge in den Kirchenbänken erreicht und hallte dort nach. Er erschütterte und berührte die Menschen und rüttelte an ihnen. Er bahnte sich einen Weg in ihr Innerstes und begann dort zu sprühen. Man horchte und atmete, hob die gesenkten Köpfe und blickte nach vorne.
Draußen, vor dem Tor der Kirche, lichteten sich die schweren Nebelschwaden. Es versprach, eine sternenklare Nacht zu werden.




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